Sobek: Während des Bauingenieurstudiums wurde mir bald klar, dass dieses Studium allein insuffizient ist, um verantwortlich zu bauen. Als Fachplaner ohne disziplinübergreifende Kenntnisse ist man ein nachgeordneter Dienstleister. Wenn man in den Prozess der Kreation, der Schaffung der gebauten Umwelt, eingebunden sein möchte, ist es zwingend, über die Inhalte der Nachbardisziplinen und die Denkweise der anderen Planungspartner Bescheid zu wissen. Wenn man dies nicht schon während des Studiums gelernt hat, tut man sich in den ersten Berufsjahren sehr schwer. Und bei vielen Kolleginnen und Kollegen dauern diese Schwierigkeiten ein ganzes Leben lang.
Detail: Fehlt es den Ingenieuren an Selbstbewusstsein?
Sobek: Bezeichnend für den Umgang der Ingenieure mit ihrem eigenen Berufsbild in den vergangenen zweihundert Jahren ist, dass sie nicht einmal ein Verb für ihre Tätigkeit haben.
Die normale Bevölkerung weiß gar nicht, was Tragwerksplanung ist. Es gibt viele Ingenieure, die einfach aufgrund der Struktur ihrer Ausbildung in der Arbeit mit anderen nicht genug Selbstbewusstsein aufbringen und sich schnell in die Rolle des Erfüllungsgehilfen drängen lassen. Das ist den meisten Architekten gar nicht recht, aber natürlich die bequemere Rolle. Es ist viel einfacher zu sagen »der Vorschlag wurde vom Architekten gemacht« anstatt sich das Gehirn zu zermartern auf der Suche nach Alternativen.
Detail: Wie sehr sollte man sich denn »einmischen« in das andere Fachgebiet?
Sobek: Ich sehe dieses Einmischen nie als ein Verdrängen des Anderen aus seinem Markt. Teamarbeit funktioniert nur partnerschaftlich. Christoph Ingenhoven oder Dominique Perrault holen mich ja nicht, um zu fragen, wie dick eine Stütze sein soll. Da heißt es eher: »Es geht darum, einen Flugzeughangar zu entwerfen und eigentlich ist da doch das Tragwerk alles. Wir wollen aber eine bestimmte äußere Erscheinungsform haben.
Zunächst gibt es nur ein paar Begriffswolken. Also muss man dann als Ingenieur auf der Basis solcher Worte wie zum Beispiel »zurückhaltend, eingepasst, naturnah, den Himmel reflektierend« etwas entwickeln, was eine statisch-konstruktive Umsetzung dieser Entwurfsidee ermöglicht.
Und man muss auch alternative Interpretationen vorschlagen können, um das Tragwerk optimal zu gestalten. Dann entspinnt sich ein Diskurs, in dessen Abfolge die Architekten auch mal sagen: »Bau doch dein Tragwerk um. Ich hab letztens eine andere Lösung gesehen, wäre das denn nicht auch eine Möglichkeit ?« So etwas nehme ich gerne auf, ohne mich auf den Schlips getreten zu fühlen. Wir haben ja das Glück, dass wir mit den besten Architekten zusammenarbeiten, von Kengo Kuma bis Norman Foster. Da hat keiner ein Problem damit, wenn ich sage, man sollte z. die Eingangsfassade anders machen, ich finde die nicht gut.
Detail: Sie haben Ihre eigene Arbeit öfter als Teil eines integralen Planungsprozesses beschrieben. Findet in Ihrem Büro eine Verschmelzung der Fachdisziplinen statt?
Sobek: Ich bin selber Architekt und habe einen Lehrstuhl für Architektur. In unserem Büro beschäftigen wir auch Architekten, ebenso wie Produkt- und Grafikdesigner. Schwerpunkt unserer Arbeit bleibt jedoch die Tragwerksplanung. Aber wir bewegen uns dabei am »cutting edge«, am Rande des technisch Machbaren. Dabei überschreiten wir regelmäßig die Grenzen dessen, was in den meisten anderen Büros getan wird.
Um dies nicht nur in material- und berechnungstechnischer Hinsicht tun zu können, brauchen wir eben auch Gestaltgebungskompetenz. Für die Art, wie wir die Dinge minimieren und entwickeln, kann man sich das Gestalten nicht als Dienstleistung mit dazuholen.
Detail: Sie verstehen die Arbeit des Ingenieurs also eindeutig als eine entwerferische Tätigkeit? Der Entwurf eines Tragwerks ist schließlich auch ein Entwurf.
Sobek: Ja, richtig. Man kann all die Techniken, die beim Entwerfen verwendet werden wie z. Varietätserzeugung oder Varietätseinschränkung, auch im Ingenieurwesen anwenden. Der überwiegende Teil der gebauten Umwelt wird ja nicht von Architekten gestaltet, sondern von Ingenieuren, die überhaupt nicht darin ausgebildet wurden, so etwas zu tun. Diese Ingenieure können eine Stützmauer berechnen, einen Tunnel oder einen Staudamm. Sie sind aber nicht darin ausgebildet, die Stützmauer so zu gestalten, dass sie sich unter ästhetischen Gesichtspunkten optimal in die jeweilige Umgebung einfügt. Das gleiche gilt für jede Klär- und Industrieanlage.
Detail: Wie weit sollten denn die Architekten auf dem Gebiet der Tragwerksplanung ausgebildet werden?
Sobek: Sie müssen die grundlegenden Phänomene selbst so weit kennen, dass sie sie auch inhaltlich beherrschen. Der Architekt soll nie und nimmer eine Platte mit einer Differentialgleichung berechnen können, aber er muss doch ein Empfinden und ein Verstehen für die Charakteristik der einzelnen Werkstoffe haben. Und er muss über Last–abtragungsmechanismen, Normalkraft, Momente und all diese Dinge Bescheid wissen. Er muss es nicht selber machen können; aber er sollte nachvollziehen können, was ein Tragwerksplaner sagt.
Detail: An der Universität unterrichten Sie sowohl Ingenieure als auch Architekten. Welche Gruppe muss eher für einen integralen Planungsprozess sensibilisiert werden?
Sobek: Die Ingenieure. Dort ist das Bewusstsein der Studenten für die Notwendigkeit einer Kompetenz im Gestalten sehr dünn gesät. Hinzu kommt: Ingenieure haben eine extrem hohe Verantwortung. Das, was sie unterschreiben, kann – wenn es nicht korrekt berechnet ist – zu katastrophalen, irreparablen Schäden, ja sogar bis hin zum Einsturz eines Gebäudes führen. Man muss die Leute also zu einer sehr hohen Präzision erziehen. Die erfordert Konzentration und ist eine Arbeit im Inneren, extrem introvertiert. Im Bereich des Entwerfens muss man nun genau diesen Leuten beibringen, dass sie von diesem hohen Präzisionsgrad weggehen müssen, und etwas skizzieren und diskutieren, was eigentlich nur zu fünfzig, sechzig Prozent sicher ist. Das fällt vielen schwer. Die meisten Kollegen aus dem Bereich der akademischen Lehre bieten auch keine Möglichkeiten, inter- und transdisziplinär zu studieren. Man kommt sich manchmal vor wie ein Rufer in der Wüste. Natürlich sagen alle, dass es unbedingt notwendig ist, dass schon die Studierenden zusammenarbeiten. Angebote machen jedoch die Wenigsten. Listen Sie doch einmal die Hochschulen auf, wo es gemeinsame Entwürfe gibt oder tatsächlich Ingenieure mit Architekten in einer Vorlesung sitzen!
Detail: Wie sieht das an Ihrem Institut aus? Kommen ans ILEK (Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren) vor allem konstruktiv interessierte Architekten?
Sobek: Wir halten die Vorlesungen kompakt an ein bis zwei Tagen. Es gibt beispielsweise eine Vorlesung »Grundlagen des Leichtbaus«, die Bauingenieurs- und Architekturstudenten besuchen. Dann folgt die Vorlesung »Fassadentechnik« in die wenige Bauingenieure kommen, weil sie die Wichtigkeit der Fassade immer noch nicht erkannt haben, allerdings viele Architekten und ebenso Studenten aus den Bereichen Immobilienwirtschaft und Immobilientechnik. Und auf einmal sitzen in einer Vorlesung drei verschiedene Studentengruppen. Danach folgt das Thema »Entwerfen im konstruktiven Ingenieurbau«. Interessanterweise bleiben viele der Nicht-Ingenieure für diese Vorlesung am Institut und hören sich an, was bei den Ingenieuren läuft. Das ist ungemein wertvoll. Wir bieten auch gemeinsame Entwurfsübungen an, bei denen Architektur- und Ingenieurstudenten zusammenarbeiten. Dies schweißt sie natürlich zusammen.
Detail: Kann denn Integrale Planung in der Lehre eine Entsprechung finden? Es hat doch Vorteile, wenn ein Architekturstudent sich von Anfang an mit Kollegen aus dem Ingenieursbereich zusammensetzt und umkehrt?
Sobek: Es ist sehr schwer, das auf die Lehre zu übertragen. Deshalb ist beispielsweise auch das Dortmunder Modell gescheitert, das einzige wirklich institutionalisierte Modell einer gemeinsamen Ausbildung. Zum einen hat sich gezeigt, dass eine Institutionalisierung nichts nützt, wenn die tragenden Menschen nicht mehr da sind. Außerdem kann ein Architekturstudent nach zwei Semestern Tragwerkslehre ohne weiteres eine sinnvolle Betonschalenform entwerfen. Andererseits können Sie jeden Bauingenieurstudenten im zehnten Semester mit der Berechnung dieser Betonschale zum Nervenzusammenbruch treiben, weil diese Verifikation ein Wissen erfordert, das ein Bauingenieur erst gegen Ende seines Studiums erlangt. Wir haben daher festgestellt, dass wir einen Architekturstudenten, der einigermaßen stark im Vordiplomsbereich ist, mit einem Ingenieur im Hauptdiplomsbereich zusammenspannen müssen, und den Ingenieur auch noch zusätzlich stützen müssen.
Detail: Mit welcher Zielrichtung forschen und promovieren Architekten und Ingenieure bei Ihnen?
Sobek: Bei uns promovieren auch Flugzeugbauer und Mediziner. Das Institut, das ja aus einer Verschmelzung der Institute von Frei Otto und Jörg Schlaich hervorgegangen ist, hat sich von Anfang an auf die Fahnen geschrieben, den allergrößten Teil der Forschung unter der übergreifenden Fragestellung »Wie leben und wie arbeiten wir übermorgen« zu durchzuführen. Wir wollen weniger die aktuellen Fragen beantworten, sondern Grundlagenforschung betreiben, im Sinne des wirklich weit hinausreichenden Perspektivischen. Das war immer der Charakter des Hauses unter Frei Otto und das habe ich aufrechterhalten. Wir forschen heute zwar auch in aktuelleren Fragestellungen, um beispielsweise der mittelständischen Industrie, die über ihr Steueraufkommen die Universitäten mitfinanziert, zu helfen. Wir beschäftigen uns jedoch überwiegend mit avancierten Fragen.
Detail: Sie wollen Ihre Studenten also anregen, die Grenzen zu überschreiten, gesichertes Terrain zu verlassen?
Sobek: Ja. Wenn der normale Student das beherrscht, was man in jedem Lehrbuch liest, dann weiß er doch noch nicht, wo eigentlich die Grenze ist zwischen dem, was man heute noch tun, theoretisch erfassen und verantwortlich bauen kann, und zwischen dem, wo man ins Unbekannte stürzt. Hier profitieren die Studierenden natürlich sehr stark von unserem tatsächlich bauschaffenden Büro. Natürlich können nur die wirklich guten Leute diese Grenze überschreiten, weil das ein hoch verantwortungsvoller Akt ist. Aber das Ausloten und das Beschreiben dieser Grenze, auch in der Vorlesung, ist eine der nobelsten Aufgaben einer Universität. Es kann nicht ihre Aufgabe sein, nur das Standard-Know-how zu vermitteln.
Detail: Und die Studenten sehen dies als »Horizonterweiterung«, die auch Nutzen für die spätere Berufstätigkeit bringt?
Sobek: Ich denke schon. In unserer Lehre vermitteln wir den Studenten natürlich, wie man eine Fassade, eine Glasfassade, oder eine Holzgitterschale baut. Aber wir gehen auch darüber hinaus. Wir fragen: Wie weit könnte man gehen? Was ist das ultimativ Leichte? Wie ist ein Flugzeug zusammengebaut? Wie wird eine Automobilkarosserie berechnet? Was ist die Tragfähigkeit und das Tragverhalten von Knochenstrukturen im menschlichen Körper? Und auf einmal sehen sie glänzende Augen, das Blickfeld erweitert sich, und die Studierenden sind in der Lage, von einer Disziplin zur anderen zu springen und Erkenntnisse zu transponieren.






