Diskussion: Musik als Quelle der Inspiration - ein Gespräch mit Cecil Balmond

Detail: Sie arbeiten mit zahlreichen internationalen Architekten, darunter Stirling, Koolhaas, Libeskind, Ito und Siza, zusammen. Haben Sie - trotz aller Verschiedenheiten - eine grundsätzliche Vorgehensweise?

Diskussion: Musik als Quelle der Inspiration - ein Gespräch mit Cecil Balmond
© Nick Guttridge/view/artur

Balmond: Ja, ich strebe stets danach, für das Tragwerk eine Ausdrucksform zu finden, die das Raumgefühl steigert. Ich sehe die größte Anforderung immer in dem Wunsch eines Architekten nach einem Tragwerk, das den Raum gliedert und rhythmisiert. Diese architektonische Haltung ist geprägt von einem Verständnis für die strukturellen Aspekte und dies beeinflusst den Dialog mit dem Architekten. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Pavillon im Londoner Hyde Park von Alvaró Siza. Das Gebäude sollte ursprünglich eine einfache Kuppel mit einer einheitlichen Gitterschale aus Holz aufweisen, ähnlich dem Expo-Pavillon von Frei Otto und Shigeru Ban in Hannover. Wir entschieden uns bewusst gegen Stahl und für Holz, weil wir ein alltägliches Material verwenden wollten. »Alltäglich« sollte für einfache Verbindungen und simple Techniken stehen. Daraus leitete sich dann die Idee ab, die Elemente des Gitters gegeneinander zu verschieben. Ich versetzte einfach die Holzträger gegenüber ihrem ursprünglichen Achsenschnittpunkt. Durch diesen einfachen Trick konnte der Schnittpunkt weiterhin für die Berechnungen herangezogen werden, obwohl die Träger ihn nun auf ganz andere Weise berühren. Dies führte zu einer Belebung der Form des Pavillons.

Detail: Sie beeinflussen die Entwürfe der Architekten sehr stark. Glauben Sie, dass Ingenieure eher in einer frühen Phase oder besser zu einem späteren Zeitpunkt eines Projektes einbezogen werden sollten?

Balmond: Ich glaube, die besten Entwürfe entstehen dann, wenn ein guter Ingenieur und ein guter Architekt als Entwurfspartner zusammenarbeiten. In der Konzeptphase ist eine enge geistige Partnerschaft notwendig. Während der Planung setzt dann jeder seine jeweils eigenständigen Fähigkeiten, ingenieurtechnische und architektonische, ein. Wenn es zur Detaillierung kommt, sind die Qualifikationen beider Partner grundverschieden. Aus architektonischer Sicht ist die Beschäftigung mit dem Detail von sehr vielen Faktoren bestimmt. Der Ingenieur dagegen setzt sich vor allem mit Druck- und Zugkräften auseinander – eine Abstraktion, die schließlich in einer Bewehrung oder etwas Ähnlichem resultiert. Am Gebäude Central Chinese Television (CCTV), Beijing, arbeiteten Rem Koolhaas und ich zunächst drei Monate lang konzeptionell; vier Monate später hatte sich das Projekt jedoch in eine völlig andere Richtung entwickelt. Daraufhin nahmen wir uns das ursprüngliche Konzept noch einmal vor. In der Regel sind die entscheidenden Probleme nicht architektonischer, sondern technischer Natur. Betrachtet man die ursprünglichen Konzepte, stellen sie sich meistens als richtig heraus. Konzeptionelle Strenge ist die wichtigste Eigenschaft, über die der Ingenieur verfügen sollte – sie ist schließlich im Entwurf oder im Projekt ablesbar.

Detail: Aber auch Hingabe, Neugierde und der Wille zu bauen sind notwendig!

Balmond: Ja, das ist der Schlüssel: der Wille zu bauen. Es gibt viele Architekten, die zwar den großen Auftritt suchen, doch nur der echte Wille zu bauen und die Leidenschaft ermöglichen auch die Realisation – gegen alle Widerstände, die sich vor allem bei außergewöhnlichen Projekten immer irgendwann einstellen.

Detail: Glauben Sie, dass der Beitrag des Ingenieurs zur Architektur richtig gewürdigt wird?

Balmond: Eine weit verbreitete Ansicht ist, dass Ingenieure zuständig für Berechnungen sind, für die technische Umsetzung eben, und zum sichtbaren Erscheinungsbild der Architektur nicht innovativ beitragen. Ich dagegen meine, Architektur hat immer etwas mit Kunst zu tun. Ingenieure sollten als Wissenschaftler gelten, denn Kunst und Wissenschaft können besser zusammenwirken als Kunst und Ingenieurwesen.

Detail: Was raten Sie jungen Ingenieuren, die tief in ihren Berechnungen stecken und sich gefangen fühlen von durchschnittlichen Projekten, den so genannten Brot-und-Butter-Projekten. Wie haben Sie sich aus dieser Situation befreit?

Balmond: Ich war tatsächlich jahrelang in so einer Situation. Mein Rat lautet: Sich informieren und lesen über Wissenschaft und Architektur; das schafft eine kulturelle Grundlage, die Ingenieuren während ihrer Ausbildung in der Regel nicht vermittelt wird. Machen Sie den nächsten Schritt und schauen Sie über Grenzen! Natürlich erweitert man den eigenen Horizont auch in der Zusammenarbeit mit guten Architekten.

Detail: Seit über dreißig Jahren sind Sie Ingenieur bei Arup. Hat die Firma Sie in Ihrer Arbeit beeinflusst?

Balmond: Sicherlich! Ich hatte das Glück, mit Ove Arup gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten – mein erstes Projekt für Arup überhaupt und gleichzeitig das letzte, an dem er persönlich mitwirkte. Die Carlsberg-Brauerei war ein Projekt mit hohem architektonischen Anspruch. Ove Arup war zwar nur wenig daran beteiligt, aber als mein Vorgesetzter nahm er meine Pläne ab. Das Büro Arup vermittelte mir das Gefühl, dass es außer dem Ingenieurwesen, den reinen Berechnungen, noch etwas Anderes gibt. Bei Arup arbeitete damals noch eine weitere herausragende Persönlichkeit, Peter Rice. Er wollte die Tragwerksplanung in Bereiche führen, die noch keiner erreicht hatte. Er beeinflusste mein Denken und zeigte mir, dass es keine Beschränkungen gibt. Das ist überhaupt einer der Vorteile von Arup: Freiraum. Ein weiterer Vorteil ist die Tatsache, dass sich immer jemand findet, der eine Lösung für ein Problem entwickelt, wenn man selbst keine hat. Dies führt zu enormem Vertrauen seitens der Architekten und Bauherren.

Detail: Richten wir unseren Blick in die jüngere Vergangenheit: Welche Einstellung haben Sie zur britischen High-Tech-Architektur?

Balmond: Diese Architektur kommuniziert ausschließlich über das Tragwerk. Es ist eine reine Maschinensprache. Ich finde es problematisch, dass diese Architektur nur aus druckbeanspruchten Masten sowie Kabeln und Seilen besteht, denn dafür gibt es nur eine begrenzte Anzahl an Variationen. Man verfügt über mehr Freiheit, wenn man mit der ganzen Palette der Tragwerkslehre arbeitet. Ich fühlte mich durch die High-Tech-Schule eingeengt. Sie führt einen stets auf einen Punkt, eine Linie und deren Verbindung. Intuitiv fühlte ich, dass es in der Fläche eine tiefere Ebene zu erkunden gibt. Wenn man sich der Fläche zuwendet, begibt man sich automatisch in die Mehrdeutigkeit. Ich bin immer an Lösungen interessiert, die einem das Gefühl eines aufgelösten, entwirrten Raums geben. Selbst wenn man am Ende das Tragwerk dabei nicht mehr erkennen kann – auch gut. Am besten ist es allerdings, wenn zum Ausdruck kommt, dass es zugleich Architektur und Ingenieurbaukunst ist. Das Dach des Bahnhofs von Arnheim mit seiner Parkplatzwand, die sich hebt und senkt, das wir mit Ben van Berkel geplant haben, könnte so ein Beispiel werden. Auch bei der Kunsthalle von Rem Koolhaas ist das Tragwerk nicht dominant und doch fühlt man, wenn man sich durch das Gebäude bewegt, dass sich alles um die Struktur dreht. Aber mehr noch geht es um den architektonischen Raum – vielmehr um die mehrdeutige Positionierung von Tragwerk in einem architektonischen Rahmen.

Detail: Das Word »Muster« kommt oft in Ihren Schriften vor .

Balmond: »Pattern« soll dem Entwurf – im Gegensatz zum Minimalismus, der nach immer stärkerer Reduktion letztendlich nur noch Glaskästen produzierte – wieder mehr Inhalt verleihen. Betrachtet man gotische Kathedralen, offenbart sich eine enorme architektonische Vielfalt und eine Überlagerung der tragenden Elemente. Ich will unterschiedliche konstruktive Schichten in meine Arbeit einbringen. Dafür benutze ich »patterning« als Emblem. In architektonischer Hinsicht gleiten »Muster« in das Dekorative ab, Architekten interessiert das nicht. Aber für mich rühren Muster an grundsätzliche Fragen: Was mache ich aus Mustern, wie interpretiere ich sie, wie verbinde ich Teile eines Musters mit der Struktur?

Das führt zu einer Überlagerung von Struktur und Form.

Detail: Sie arbeiten mit komplexen Formen und Strukturen. Schauen Sie nicht auch nach einfachen Lösungen?

Balmond: Falls »einfach« gleichbedeutend mit einer reduzierten Auffassung von Raum ist: Nein. Ich versuche in der Regel, den Raum zu schichten, interessante Diagonalen zu kreieren.

Es gibt ein einfaches Gebäude, welches ich vor langer Zeit bearbeitete. Die Stützenreihe befand sich entlang der Kante eines Zwischengeschosses; ich schob die Stützen ein wenig nach hinten und erreichte so das Gefühl eines schwebenden Balkons. Es war einfach, aber es hatte Gehalt!

»Einfache« Lösungen finden sich zum Beispiel auch bei dem Haus in Bordeaux von Rem Koolhaas: zwei Stützen, zwei Träger und vier Stützen unter dem Dach – eine

sehr einfache Struktur. Dadurch dass sie nach außen verschoben und gegenübergestellt sind, entstand eine vielschichtige Architektur.

Detail: Lassen die angesprochenen Begriffe »Muster«, »Komplexität«, »Rhythmus« auf einen allgemeinen Nenner in Ihren Tragwerkskonstruktionen schließen?

Balmond: Rhythmus und Überkreuzung, Reihungen wie auch Synkopierungen sind wichtige Begriffe für mich. Wiederholung bedeutet mir etwas, wenn sie wirklich etwas Besonderes bewirkt. Etwas nur in Ansätzen zu entwickeln und dann zu vervielfältigen, interessiert mich nicht – ich will ganzheitliche Lösungen. Und falls diese rhythmisch und akzentuiert ausfallen, umso besser.

Detail: Tangieren diese Überlegungen auch die »hybriden Elemente«, die in Ihren Schriften vorkommen?

Balmond: Ja. Logisch wäre es ja, zunächst ein Muster zu finden. Das hat etwas mit Punkten, Linien, Flächen, Oberflächen, Volumen zu tun. Daran schließt sich die räumliche Anordnung an, in Zusammenarbeit mit dem Architekten. Kein Material wird vor der Wahl der Anordnung ausgewählt. Das ist sehr wichtig in meiner Arbeit. Erst nach der Fügung wählen wir gemeinsam die Materialien. An diesem Punkt können verschiedene hybride Elemente auftauchen, etwa dort wo man zwei unterschiedliche Materialien vermischt. Oder man setzt zwei Tragsysteme gegeneinander, um die räumliche Anordnung zu unterstützen, was auch wiederum zu einer hybriden Lösung führen kann.

Beim Eingang der Kunsthalle zum Beispiel hätte eine Stütze genügt, um die Lasten abzutragen. Aber wir haben uns für drei entschieden, für eine quadratische Stahlbetonstütze, einen Wabenträger und eine mit I-Profil – drei unterschiedliche Materialien.

Ich glaube, meine Entwurfsphilosophie ist sehr speziell. Ich beginne oft mit einer Lösung für einen bestimmten Punkt. Diese wird dann vervielfältigt und modifiziert, die Varianten einander gegenübergestellt. Dann kommt ein Rhythmus hinzu und wenn man nur einen Schritt weitergeht, bekommt man ein hybride Situation. In der Umsetzung dann berechnet man die Dinge, die Tatsachen nehmen überhand und die Philosophie tritt in den Hintergrund.

Fast alle meine Entwürfe basieren auf visueller Vorstellungskraft, ich gehe mit offenen Augen durch die Räume und teste Lösungen. Ich denke, fast 90 Prozent meiner Arbeit kann ich zurückverfolgen bis zu dem Moment, an dem ich sage: Was, wenn ich hier stände, was würde ich sehen? Das bringt den Prozess in Gang.

Detail: Welche Rolle könnte die Natur in diesen menschengemachten Strukturen spielen?

Balmond: Immer gab es hier und da in der Architektur eine Bewegung, die direkt von der Natur kopierte. Das kann interessant sein, aber es vermittelt einem nichts wirklich Bewegendes. Viel spannender ist es, selber hinter die Geheimnisse der Natur zu kommen, zu erkennen, wie sie arbeitet und wie ihre Strukturen organisiert sind. Hier kann man noch einige Lektionen lernen und ich studiere dies immer noch. Wie funktionieren Dinge paarweise, zu dritt, zu viert? Bei mir hat dieses Interesse etwas zu tun mit meiner großen Neugier für serielle Organisation, im Gegensatz zu Geplantem. Was passiert, wenn sich etwas entfaltet, sich aber gleichzeitig neu organisiert? Für mich passiert in einem Gebäude genau dasselbe. Wenn man es durchläuft, geht man dorthin, geht hinauf zu einem Zimmer, tritt auf den Balkon, schaut in das Restaurant – man durchschreitet alle Sequenzen in der Entfaltung des Raums. In diesem Ansatz, denke ich, liegt etwas vom Sinn und Zweck der Beschäftigung mit der Natur.

Detail: Von der Natur zu den Zahlen – abstrakt, fremd, nicht fassbar. Was fasziniert Sie daran so?

Balmond: Vor ungefähr fünfzehn Jahren begann ich mich mit abstrakten Überlegungen zu beschäftigen. Dabei stolperte ich über die Zahlen. Obwohl wir sie alle nutzen, schienen sie mir keine besonderen Kräfte zu haben, bis ich sie untersuchte und erkannte, dass unsere älteste intellektuelle Sprache die Zahlen sind. In der Tat ist unsere erste bildliche Sprache die von Mustern. Wir hinterließen Zeichen auf Wänden, wir prägten die Welt, wir schufen Muster und als der Mensch lernte, Ackerbau zu betreiben und sesshaft wurde, erfanden wir die Zahlen. Zahlen sind universell; wir alle, welche Sprache wir auch immer sprechen, können uns mittels Zahlen verständigen.

Bei meinem Interesse an seriellen Organisationsformen stieß ich auf die Primzahlen. Da existiert diese erstaunliche Kette von Zahlen in unserer ganzen Welt, die keine regelmäßige Organisation hat. Sie steckt in jeder Faser, in allem was wir tun. So wurden Zahlen für mich interessant. Will man für ein Ergebnis offen sein, beginnt man einfach mit der Bedingung, die am abstraktesten ist. Und das bringt einen an einen Punkt, der einem vorher nicht erreichbar schien.

Detail: Wo liegen die Ursprünge Ihrer architektonischen und ingenieurtechnischen Lösungen?

Balmond: Diese Frage wurde mir schon früher einmal gestellt. Damals antwortete ich, dass ich mich Anfang vierzig auf meine asiatische Herkunft besonnen habe, die im Gegensatz steht zu der strengen Rationalität, die ich im Westen kennengelernt hatte. Ich fragte mich damals, ob das Leben nicht vielleicht doch komplexer sei.

Heute denke ich, dass mich vielleicht eher meine tiefe Beziehung zur Musik geprägt hat. Meine Mutter war Konzertpianistin, sie unterrichtete Klavier; mein Vater war Professor und spielte Jazzmusik auf dem Klavier. Auch ich widmete mich dem Klavier; all dies prägte mich stark. Immer wenn ich arbeite, höre ich dabei Bachs Cello-Suiten – das ist die abstrakteste Musik für mich, eine einfache Melodie, das Cello im Raum – perfekt!

In meinem Buch »Informal« beschreibe ich drei Kategorien, drei Grundlagen: »Lokal« ist die Linie der Melodie, die ist improvisiert; »Hybrid« ist wie ein Akkord und beinhaltet die Komplexität der Form in der Struktur; und »Gegenüberstellung« ist der Rhythmus. So empfand ich jedoch noch nicht, als ich erstmalig in diesen drei Kategorien dachte. Aber ich denke, dass die Musik wahrscheinlich die Quelle meiner Inspiration ist. Dazu kommt noch die Mischung aus asiatischen und westlichen Einflüssen. Ich glaube, dort liegen die Ursprünge meines Denkens.

Detail: Kommen wir auf die Architektur zurück. Welche gegenwärtigen Strömungen inspirieren Ihre Arbeit?

Balmond: Mich interessiert vor allem ein allgemeingültiges Raumverständnis, das über die rein kartesianische Raumauffassung hinausgeht. Ich möchte mich nicht unbedingt vom kartesianischen Denken distanzieren, habe aber wenig Verständnis dafür, wenn jemand ein Problem allein nach mathematisch-rationalistischen Regeln löst und das für die einzige Methode hält. Es gibt auch noch andere Wege, an Probleme heranzugehen!

In den Architekturschulen der ganzen Welt besteht eine Tendenz zu abgerundeten Formen. Es besteht aber ein großes Missverständnis darüber, auf welche Art und Weise man sie kreiert.

Die Lösungen, die von vielen Architekten dieser Blobs vorgeschlagen werden, basieren auf üblichen kartesianischen Strukturen. Die Punktuation des Raums mittels einer Säule oder eines Rhythmus ist jedoch immer dieselbe, ob es sich nun um eine runde oder um eine rechteckige Form handelt. Blob-Architektur wird von vielen als etwas Aufregendes angesehen, obwohl ein ganz konventionelles Tragwerk dahintersteht.

Ich untersuche jetzt bei Arup mit meiner eigenen Gruppe, bestehend aus jungen Entwerfern, Architekten und Ingenieuren, nicht-orthogonale Tragwerke mit einer neuen Formensprache. Wir lösen uns dabei von herkömmlichen Tragwerksstrukturen. Die Welle der selbstverliebten Formenproduzenten haben wir hinter uns gelassen.

Die junge Architekten-Generation um die Anfang dreißig ist im Schreiben von Programmen – also im Schaffen von Entwurfswerkzeugen, die komplexe Formen generieren können – viel besser ausgebildet als früher. Ich glaube, wir werden in diesem Bereich noch viele überraschende Arbeiten zu sehen bekommen, etwa aus China.

Detail: Innerhalb von Arup haben Sie eine Abteilung gegründet, die sich AGU – Advanced Geometry Unit – nennt.

Balmond: In den vergangenen Jahren arbeitete ich bei Arup mit vielen begabten Leuten. Ich erkannte Ähnlichkeiten im Denken und als meine Arbeiten veröffentlicht wurden, schrieben mir Leute, die für mich arbeiten wollten. So dachte ich: Warum stellst du deine eigene Arbeit nicht stärker heraus? AGU ist eine Gruppe von Architekten, Ingenieuren, Physikern, Wissenschaftlern, Mathematikern und einem Computerspiele-Theoretiker und hoffentlich bald auch einem Biotechnologen.

Die Idee dahinter ist, interdisziplinär zu arbeiten. Es ist eine Entwurfsabteilung, die auf der Grundlage von Forschungen arbeitet, die ich zusammen mit Charles Walker und zwei weiteren Direktoren leite. Wir wollen aber kein exklusiver Klub sein. Daher arbeiten wir mit anderen Architekten und mit Künstlern wie Anish Kapoor zusammen. Im Augenblick umfasst AGU 18 bis 20 Personen. Wir betreiben sehr pragmatische Forschung.

AGU ist in London angesiedelt, arbeitet projektbezogen, und die Forschung findet in direktem Kontakt zu den Universitäten statt. Akademische Verbindungen und Forschungen sind eng verknüpft; es wird keine Energie damit verschwendet, Lehre nur um ihrer selbst willen zu betreiben.