Anupama Kundoo, Sie betonen oft die Beziehung zwischen Zeit, Geld und Materialien. Wie beeinflusst dieses Dreieck die Nachhaltigkeit in der Architektur?
Die westliche Vorstellung „Zeit ist Geld“ blendet oft den Menschen und seine Kreativität aus. Nachhaltigkeit entsteht, wenn wir mehr menschliche Ressourcen nutzen statt nur natürliche. Arbeit, Lernen, Muskelkraft – all das fördert Entwicklung, ohne die Umwelt zu verschmutzen. Es geht nicht nur um gutes oder schlechtes Material, sondern um die Beziehung der Menschen zu dem, was sie bauen. So wird Architektur menschlich, nachhaltig und lehrreich. Das Budget sollte wie ein Haushalt geplant werden: vorausschauend, sorgfältig und mit dem Ziel, die Mittel effizient einzusetzen und Verschwendung zu vermeiden.
Im September 2025 hat das Architekturzentrum Wien Ihre Ausstellung „Reichtum statt Kapital – Abundance Not Capital“ eröffnet. Was verbirgt sich hinter diesem Titel?
Für mich geht es nicht um Kritik am Geld an sich, sondern darum, dass Geld als treibende Kraft unser Leben bestimmt. Schon unsere Vorfahren nutzten die in ihrer Umgebung im Überfluss vorhandenen Materialien. Architektur sollte echte menschliche Bedürfnisse erfüllen und nicht die des Marktes. Heute normalisieren wir Verschwendung. Materialien werden rund um die Welt verschifft, und Nachhaltigkeit bleibt oft nur ein Wort. Wahre Fülle entsteht, wenn wir menschliche Fähigkeiten, Kreativität feiern und wenn wir uns die Zeit nehmen, durch Experimente zu lernen. Die Ausstellung zeigt diesen Optimismus, Ideenreichtum und die Vielfalt der Möglichkeiten.
Inwiefern sollte der Ausstellungstitel in Europa anders interpretiert werden als in Indien?
In Europa geht es darum, grundlegende Annahmen zu hinterfragen: die Lieferketten von Materialien, ein Übermaß an gesetzlichen Standards und die Dominanz von Effizienz gegenüber Menschlichkeit. Wir neigen dazu, Normen über Naturgesetze zu stellen. Dabei gelten überall die gleichen Grundregeln: Sonne, Schatten, Schwerkraft – auch und gerade in der Architektur. In meinen Projekten, wie dem Wall House, nutzen wir lokale Materialien, reduzieren den Ressourcenverbrauch radikal und maximieren Ästhetik und Funktion. Ein Stein kann Display, Tür oder rustikales Element sein – wenn er sorgfältig eingesetzt wird, offenbart er die Kreativität von Architektinnen und Handwerkerinnen.
Ihre Projekte setzen oft auf lokale Materialien und Handwerk. Wie realistisch ist dieser Ansatz angesichts hoher Arbeitskosten und strenger Standards in Europa und Nordamerika?
Wenn Europa Nachhaltigkeit ernst nimmt, werden die wahren Kosten sichtbar: von den Transportkosten für Güter über die graue Energie der hergestellten Materialien bis zur Entwertung menschlicher Arbeitskraft. Standardisierte Produkte erzeugen oft Verschwendung. Mein Ansatz zeigt, dass sich mit lokal verfügbaren Materialien kreativ und effizient bauen lässt, ohne Qualität oder Ästhetik opfern zu müssen. Europa könnte davon lernen, Normen kritisch zu hinterfragen. Davon würden der Wissensaufbau, die Experimentierlust, die Partizipation sowie Pflege- und Reparaturkultur profitieren und Ressourcenwürden bewusster eingesetzt.
Materialforschung spielt in Ihrer Arbeit eine zentrale Rolle. Welches Material hat Sie dabei am meisten überrascht?
Das enorme Potenzial von Ferrozement wird bisher kaum ausgeschöpft. In Projekten wie dem EasyWC (Ferrocement Prefabrication Easy WC) nutzen wir seine Schlankheit und flexible Formgebung, um Stabilität, Ästhetik und Material- sowie Arbeitsersparnis zu vereinen. Die Form selbst verleiht Stärke, nicht die Masse. So lassen sich Böden, Wände und Möbel leicht, effizient und nachhaltig gestalten – vom Möbelstück bis zur Architektur. Das Material eröffnet endlose Möglichkeiten im Innenraum und im Bau, ohne Ressourcen zu verschwenden.
Ihr Wall House wurde 2012 auf der Biennale in Venedig nachgebaut und als „Juwel zwischen Trümmern” bezeichnet. Welche Erfahrungen haben dieses Projekt geprägt?
Das Wall House in Auroville ist mein Zuhause und zugleich ein Labor für Experimente. Ich habe es ohne Auftraggeber größtenteils selbst finanziert und konnte während der Bauphase frei experimentieren, Fehler machen und daraus lernen. Das kompakte Gebäude lässt sich flexibel unter der breiten Veranda erweitern und ermöglicht es mir, neue räumliche und technologische Konzepte zu erproben. Für seinen Bau habe ich überwiegend lokale Materialien verwendet, Handwerkstraditionen mit modernen Techniken verbunden und auch weniger erfahrene Handwerkerinnen mit einbezogen. Durch die Landschaftsgestaltung verschmelzen Innen- und Außenraum zu einem zusammenhängenden Erlebnis. Das Wall House bleibt ein offener Ort für Studierende, Handwerkerinnen und Nachbarinnen – ein Raum, der Gemeinschaft, Improvisation und nachhaltiges Bauen erfahrbar macht.
In Ihrem Büro, Anupama Kundoo Architects, arbeiten überwiegend Frauen. Wie kam es dazu?
Das stimmt, obwohl Männer immer wieder Teilunseres Teams waren. Wir haben Männer nicht bewusst ausgeschlossen, aber möglicherweise fühlen sich Frauen von unserer Art der Zusammenarbeit im Büro eher angezogen. Wir organisieren Arbeit und Familie flexibel, auch auf Baustellen. Zudem haben wir die Idee, ein Projekt ausschließlich mit Handwerkerinnen umzusetzen, um ihre Fähigkeiten sichtbar zu machen und neue Ansätze im Bauprozess zu erproben. Die aktuelle Zusammensetzung ist dem Zufall zu verdanken, die wir aber gerne so beibehalten möchten.
Warum sind Sie Architektin geworden?
Schon als Kind interessierte ich mich für Kunst, Geometrie und Mathematik, war aber auch praktisch veranlagt und wollte etwas Greifbares schaffen. Ich stand sozusagen zwischen Kunst und Technik. In der Familie gab es dafür aber keine Vorbilder. Nach einem Eignungstest wurde mir Architektur empfohlen – und vom ersten Tag an wusste ich: Das ist mein Weg. Architektur vereint Kreativität, Abstraktion und Praxis. Ich wollte nicht Teil einer großen Immobilienkette sein, sondern eigenständig denken, gestalten und forschen. So begann meine Reise als Architektin, die Bauen, Forschung und Lehre verbindet.
Wenn Sie ein einziges Ziel für die Baukultur im globalen Norden benennen müssten, welches wäre es und wie ließe es sich erreichen?
Ich würde sagen: Bauen Sie mit dem, was direkt um Sie herum in Hülle und Fülle vorhanden ist, und nehmen Sie sich die Zeit, es kennenzulernen. Das betrifft nicht nur die Materialien, sondern auch die handwerklichen Fähigkeiten, die sich über Generationen entwickelt haben. Leider werden diese oft als traditionell abgetan, dabei sind sie die Grundlage für echte Fortschritte. Wissen geht verloren, wenn wir es ignorieren. Es ist ein Gewinn, auf die Erfahrung von Handwerkern zu hören und ihre Intelligenz in den Prozess einzubeziehen. In Verbindung mit heutigen Technologien und Bedürfnissen kann so eine Baukultur entstehen, die Ressourcen schont, sozial eingebettet ist und zugleich neue ästhetische Qualitäten hervorbringt.






