Der Salt Salon interpretiert den Friseursalon als akustischen Erfahrungsraum. Wie entstand diese Idee?
Ben Hayes: Die drei Gründer von Unknown Works sind echte Musikliebhaber. Wir verbringen viel Zeit damit, neue Klänge zu entdecken. Auch im Büro läuft ständig Musik. Sound ist Teil unserer Identität. Als wir John Paul Scott kennenlernten, den Inhaber von Salt und ehemaligen Produzenten elektronischer Musik, waren wir sofort auf einer Wellenlänge. Wir begannen zu diskutieren, wie Klang das Erlebnis in seinem zweiten Friseursalon am Borough Market prägen könnte.
Welche weiteren Faktoren haben das Konzept beeinflusst?
BH: Wir haben uns gefragt, wie ein Friseursalon im Jahr 2025 oder 2030 aussehen sollte. Durch den Wandel der Einkaufsstraßen und der gesellschaftlichen Gewohnheiten sind Haarstudios zu wichtigen sozialen Treffpunkten in London geworden. Sie sind Orte für Gespräche und kulturellen Austausch, nicht nur für Dienstleistungen. Eine entscheidende Rolle spielt die Programmgestaltung. Ohne sie wäre das Projekt nur ein schöner Raum mit guten Lautsprechern. Durch Veranstaltungen, Musik, Vorträge und Zusammenkünfte erhält die Architektur ihre Bedeutung. Im Salt Salon können Albumvorstellungen, Radiosendungen, Podcasts, Wellness-Tage, Vorträge und Partys stattfinden. Das Design unterstützt künftige Nutzungen, ohne den Raum zu stark festzulegen.
Wie hat sich diese Entscheidung auf das Raumgefüge ausgewirkt?
BH: Der Salon erstreckt sich über drei Etagen in einem historischen, viktorianischen Getreidespeicher. Auf der Eingangsetage befindet sich der Hörraum, ein Veranstaltungsraum mit maßgeschneiderten Lautsprechern, modularen Möbeln und einer mobilen Bar, die sich als DJ-Pult oder Rezeption nutzen lässt. Die nächste Etage ist der Haarschneideraum und die oberste Etage beherbergt den bewusst zurückhaltend gestalteten Colorationsraum. Der Boden darf hier im Laufe der Zeit durch Farbstoffe Flecken bekommen. Ein großer, hängender Spiegel aus Edelstahl schafft verschiedene Sitzbereiche und akzentuiert den Raum.
Inwieweit hat der historische Charakter des Gebäudes den Entwurf beeinflusst?
BH: Wir haben die originalen Balken, Falltüren und Spuren des früheren Warentransports erhalten. Ein transluzentes Glaselement verbindet den Hör- und den Haarschneideraum und bewahrt so die vertikale Beziehung zwischen den Ebenen.
Wie wirken sich akustische Aspekte auf architektonische Entscheidungen aus?
BH: Zwischen den Balken befinden sich Akustikpaneele. Zusammen mit modularen Möbeln aus komprimiertem Recycling-Schaumstoff und der asymmetrischen Geometrie des Altbaus verbessern sie die Klangqualität des Raums. Der Weg von der lauten Markthalle über das ruhige Treppenhaus in den Salon schafft einen akustischen Übergang. Die Musik ändert sich im Laufe des Tages und prägt die Stimmung und das Tempo, sodass sich jeder Besuch anders anfühlt. Die Architektur tritt in den Hintergrund und lässt dem Klang den Vorrang.
Warum wurden die Lautsprecher aus verzinktem Stahl hergestellt?
BH: Die Vorgaben verlangten extrem haltbare Materialien. Da Salons mehrmals täglich mit starken Chemikalien gereinigt werden, kam Holz nicht infrage. Wir wollten ein robustes Material, das neben dem historischen Backstein und Holz bestehen konnte, ohne diese zu imitieren. Metall bietet einen guten Kontrast
Metall wirft jedoch Fragen zur Nachhaltigkeit auf.
BH: Alle verzinkten Platten stammen aus recycelten Regalen, die ursprünglich im Victoria and Albert und im Science Museum verwendet wurden. Wir hatten diese Industrieregale bereits in früheren Projekten getestet und kannten daher ihr Potenzial. Recyceltes Metall wird in standardisierten Formaten geliefert. Durch roboterbasierte inkrementelle Blechumformung können wir diese mit geringem Energieaufwand in komplexe Formen bringen. Aber Metall hat ein Gedächtnis. Es will zurückspringen. Da die Hornlautsprecher millimetergenaue Präzision erforderten, mussten wir sie von beiden Seiten formen, die Ergebnisse scannen und sie digital mit den 3D-gedruckten Hornhälsen neu ausrichten. Die Vorrichtungen brachen oft unter der erforderlichen Kraft zusammen. Wir hatten viele Fehlversuche, bevor es wie gewünscht funktionierte.
Hat die Fertigungslogik das Design beeinflusst oder umgekehrt?
BH: Es war ein Mittelweg. Wir haben eng mit den Lautsprecherspezialisten von Friendly Pressure zusammengearbeitet, um die akustische Leistung an die Materialbeschränkungen anzupassen. Die Metallfront folgt der Geometrie des Horns, geht jedoch in einen 3D-gedruckten Hornhals innerhalb eines Holzgehäuses über. Die akustische Arbeit findet überwiegend im Holzgehäuse und im 3D-gedruckten Horn statt. Das Metall kommt nur kurz zum Tragen, wenn der Schall austritt.
Die digitale Fertigung steht für Präzision, doch der Salt Salon begrüßt auch Patina und Alterung. Wie lässt sich beides miteinander vereinbaren?
BH: Das alte Gebäude darf altern, die neuen Elemente entsprechen digitalen Präzisionsstandards. Dieser Kontrast spiegelt die Prinzipien der Denkmalpflege wider: Das Alte nicht imitieren, sondern bewusst ergänzen. Theo Games Petrohilos: Wie in der Musik. Sie ist präzise, aber zeitlich begrenzt und offen für Veränderungen. Bei der Fertigung entdecken wir bisweilen unerwartete Bearbeitungsspuren und behalten sie bei. Für unsere Arbeit ist diese Spannung zwischen Kontrolle und Überraschung wichtig.
Wie wichtig sind computergestützte Designtools für die Formgebung bei Unknown Works?
TGP: Wenn uns ein digitales Tool dabei hilft, unsere Möglichkeiten zu erweitern, nutzen wir es natürlich. Wir wechseln jedoch immer zwischen digitalen und analogen Methoden hin und her. BH: Modellbau und Prototyping sind unverzichtbar. Ohne sie läuft man Gefahr, den Bezug zur tatsächlichen Herstellung zu verlieren. Wir erstellen so früh wie möglich Prototypen in Originalgröße und arbeiten von Anfang an mit Herstellern zusammen. Feedback ist entscheidend. Ohne Feedback lernt man nichts. Wir gehen von Anfang an von Fehlschlägen und Änderungen aus. TGP: Und wir scheuen uns nicht, bei Bedarf Materialien, Technologien oder Methoden zu ändern. Wichtig ist, offen und flexibel zu bleiben.
Hat KI bei diesem Projekt eine Rolle gespielt?
BH: Wir nutzen KI zwar für Arbeitsabläufe und Forschung, aber noch nicht für die Geometrie. Die dafür erforderliche Präzision und Kontrolle sind noch nicht gegeben. KI ist in der Anfangsphase nützlich, als Design-Tool ist sie für uns jedoch nur begrenzt einsetzbar.
Wird KI die Rolle des Architekten in Zukunft verändern?
BH: Auf jeden Fall. Ich hoffe jedoch, dass sie uns unterstützt und nicht ersetzt. Architektur ist kollaborativ, materialorientiert und in der Praxis verwurzelt. Das ist nur schwer zu ersetzen. TGP: Ein Architekt fügt viele Elemente zu einem Ganzen – auf harmonische oder diskursive Weise. Diese kuratorische Rolle wird bestehen bleiben, unabhängig davon, ob es KI gibt oder nicht.
Welche Fähigkeiten werden Architekten in den nächsten zehn Jahren am meisten benötigen?
TGP: Intuition. Kritisches Denken. Die Fähigkeit, einen Funken von etwas zu erkennen, ihn auszuwählen und mit Beharrlichkeit weiterzuverfolgen. BH: Die spannende Frage lautet: Ist KI in der Lage, etwas Originelles hervorzubringen? Entscheidend dafür ist die Fähigkeit zur Improvisation. Um wieder auf die Musik zurückzukommen: Wir sehen uns eher als Free Jazz-Ensemble denn als Orchester, denn wir erlauben Chaos und Zufall.






